Medial Precarities (2026)
We Are the Vulnerable: Medial Precarities, contribution to the edited volume (conference proceedings) Repenser les traversées, edited by Jolanda Wessel and Mathilde Vanhelmon, Aix-Marseille University, forthcoming.
Nous sommes les vulnérables : Précarités mediales, contribution aux actes du colloque Repenser les traversées. L’intermédialité entre médias, arts et cultures – En dialogue avec la recherche-création et les mutations numériques, sous la direction de Jolanda Wessel et Mathilde Vanhelmon, Université d’Aix-Marseille, en préparation.
Wir sind die Verletzlichen: Mediale Prekaritäten, Beitrag zum Tagungsband Repenser les traversées. Intermedialität zwischen Medien, Künsten und Kulturen – Im Dialog mit Artistic Research und digitalen Herausforderungen, hg.v. Jolanda Wessel, Mathilde Vanhelmon, Universität Aix-Marseille, in Planung.
Dieser Beitrag entsteht gerade.
Für einen Tagungsband, eine spezifische Form der wissenschaftlichen Publikation, die üblicherweise im Anschluss an eine wissenschaftliche Tagung entsteht, habe ich diesen Text geschrieben und einen QR-Code zu dieser Website generiert.
Die Tagung Repenser les traversées wurde von den Herausgeberinnen des Bandes, Jolanda Wessel und Mathilde Vanhelmon, organisiert und fand im Dezember 2025 im Multimedia-Gebäude T1 an der Universität Aix-Marseille in Aix-en-Provence statt.
Im Eingangsbereichs des Gebäudes zeigte ich die installative Situation „From The Suburbs“, eine Kombination von Postern und Sofortbildaufnahmen in Archivschachteln, dem Video "From The Suburbs" und einem Banner sowie dem manifesthaften Text „Wir sind die Verletzlichen“ von 2022, der in verschiedenen Sprache über Kopfhörer und QR-Codes zugänglich wurde. Diese installative Situation war an konkrete räumliche und zeitliche Bedingungen gebunden: eine Durchgangssituation, kalte Luft, knappe Zeitfenster zwischen Panels – Faktoren, die darüber entschieden, wer stehenbleibt, zuhört oder vorbeigeht. Die digitale Fassung verschiebt diese Situation und macht zugleich sichtbar, dass auch der Online‑Raum nicht voraussetzungslos ist, sondern von spezifischen technischen, ökonomischen und institutionellen Bedingungen abhängt.
Hier finden Sie einen Link zu "From The Suburbs":
Das Video zeigte ich im September in einem Jugendclub in der Großwohnsiedlung Ratingen-West, in der ich in den 1970er und 1980er Jahren aufwuchs. Aktuell ist es in einer Gruppenausstellung im Museum Ratingen zu sehen. Im November 2025 lief es in dem selbstorganisierten Kunst- und Kulturzentrum UNITE in Ankara. Das UNITE-Magazin führte anlässlich dieser Ausstellung ein Interview mit mir, das Sie hier lesen können:
In den letzten Minuten des Videos "From The Surburbs" sehen Sie eine Auswahl von Sofortbildaufnahmen aus nördlichen Vierteln Marseilles. In diesen Vororten, die ich kurz vor der Konferenz zur Vorbereitung meines Beitrags besuchte, zeigt sich, wie technische, ökonomische und institutionelle Bedingungen in soziale Biografien eingeschrieben werden: Wer dort aufwächst, hat statistisch schlechtere Chancen, eine qualifizierende Schulbildung abzuschließen, ein stabiles Einkommen zu sichern oder sich im akademischen und kulturellen Feld zu verorten. Die Wege zu Universitäten, Kulturinstitutionen und gut bezahlten Arbeitsplätzen sind nicht nur räumlich länger, sie sind auch von Stigmatisierung, prekärer Mobilität und einem permanenten Aushandeln von Zugehörigkeit begleitet. Die Frage des Zugangs wird damit zur Frage, wessen Körper, Stimmen und Daten als wertvoll gelten – und wer in den Logiken von Auswahl, Bewertung und Kontrolle konsequent unterrepräsentiert oder ausgeschlossen bleibt.
Wir sind die Verletzlichen.
Die, die über wenig Geld verfügen und die kein Erbe erwartet.
Wir hoffen nicht und wir warten nicht.
Wir blühen jetzt.
Wir gehen jetzt in die Viertel der Eigentümer.
Wir verschaffen uns jetzt Zugang zu den Zentren der Städte.
Zu den Smart Cities und den Gated Communities an ihren Rändern.
Und wir sagen:
Wir wollen diese Wohnung. Wir wollen dieses Haus.
Wir bringen euch Verletzlichkeit. Kitsch. Realität.
Wir geben die Viertel der Eigentümer auf.
Die Eigentümer lernen von uns.
Denn wir sind verbunden mit den letzten Kindern und Küken und Keimlingen.
Wir lassen die Vergangenheit in der Gegenwart aufleuchten.
Wir sind überall.
Nous sommes les vulnérables.
Ceux qui ont peu d'argent et qu’aucun héritage n’attend.
Nous n'espérons pas et nous n'attendons pas.
Nous nous épanouissons maintenant.
Nous allons maintenant dans les quartiers des propriétaires.
Nous nous introduisons maintenant dans les centres-villes.
Dans les smart cities et dans les périphéries des gated communities.
Et nous disons :
Nous voulons cet appartement. Nous voulons cette maison.
Nous vous apportons la vulnérabilité. Le kitsch. La réalité.
Nous abandonnons les quartiers des propriétaires.
Les propriétaires apprennent de nous.
Car nous sommes liés aux derniers enfants, poussins et germes.
Nous faisons s’illuminer le passé dans le présent.
Nous sommes partout.
Jolanda Wessel hat den Text übersetzt und in einem Zimmer des Hotel Cardinal, in dem ich während der Tagung wohnte, in einen digitalen Audiorekorder gesprochen:
nous-sommes-les-vulnerables.mp3
Die deutsche Variante habe ich selbst in meinem Studio in Düsseldorf eingesprochen und in Zusammenarbeit mit meinem Mann, dem Künstler Detlef Klepsch, um eine rhythmische Sequenz und Bassläufe erweitert:
wir-sind-die-verletzlichen.mp3
Die im Manifest sprechenden Verletzlichen markieren Bruchstellen von Versprechen und Zugang, an denen sich die Grenzlinien zwischen Zentrum und Peripherie, Eigentum und Ausschluss immer wieder neu ziehen. Die Verletzlichen sind aber nicht nur soziale und ökonomische Subjekte ohne Erbe und Eigentum, sondern auch die Bilder, Dateien und Verknüpfungen selbst, mit denen ich hier arbeite. Ich denke das Internet als materiellen Ort, als Geflecht von Servern, Kabeln, Plattformen und Arbeitsverhältnissen, in denen Fragen von Zugang, Eigentum und Kontrolle verhandelt werden. Post‑Internet‑Diskurse zu Online‑Archivierung betonen die Fragilität von Websites, das Phänomen des Link‑Verlusts und die Abhängigkeit von proprietären Infrastrukturen – eine mediale Form der Verletzlichkeit, die sich mit den im Text adressierten sozialen Prekaritäten verschränkt.
Ich möchte konkreter werden und beschreibe einige der Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um die Inhalte auf dieser Website zugänglich zu machen. Zuerst muss ich die URL in einen QR-Code umwandeln. Dazu nutze ich den kostenfreien Generator QR-Code Monkey. QR-Codes, sind ähnlich wie Strichcodes, eine Möglichkeit Informationen zu speichern. Auch sie haben ein Standardmuster, das sie für eine Maschien lesbar macht. Der Generator übersetzt die URL in einen binären Code: Die schwarzen Quadrate repäsentieren die Einsen und die weiße Quadrate die Nullen. Dieser binäre Code wir als Raster in einem Standardmuster herausgegeben.
Die URL ist Adresse der Website. Sie liegt auf einem Shared-Hosting-Server der Firma Goneo in Frankfurt am Main. Ich zahle jährlich 28 Euro für diesen Service. Da das Datenvolumen begrenzt ist, kann ich keine Videodateien hochladen und diese direkt auf der Website zeigen. Ich habe ein Konto bei der Videoplattform „Vimeo“ und verlinke Videodateien. Für dieses Konto zahle ich jährlich 80 Euro. Um die Kosten und den Energieverbrauch beim Anschauen von Video und Fotos gering zu halten, verkleinere ich Dateien. Dazu nutze ich unter anderem die kostenfreien Plattform „Tiny jpg“.
Bilder meiner künstlerischen Arbeit, die ich auf meinen Websites zeige, kann ich jährlich bei der Vewertungsgesellschaft Bild-Kunst melden. Es ist möglich bis zu 200 Bilder pro Website anzugeben. Jährlich werden Gebühren für die Nutzung von Bildmaterial im Internet an die Verwertungsgesellschaft gezahlt. Alle Mitglieder der VG-Bild-Kunst erhalten einen Anteil. Ich bekomme etwa 200 Euro im Jahr für die Bilder auf einer Website. Voraussetzung ist, das sie meine künstlerische Arbeit abbilden.
Um noch ein wenig konkreter zu werden und bei dem Versuch meine Klassenzugehörigkeit zu bestimmen, schaue ich in meine Mietverträge: Wir zahlen 565 Euro für eine 48 qm große Wohnung. Wir leben dort zu Zweit. Jeder von uns mietet zusätzlich ein Atelier. Ich zahle für mein 35 qm großes Studio 425,55 Euro. Bourdieus Klassenkonzept kombiniert mein niedriges ökonomisches Kapital und mein hohes kulturelles Kapital. Ich gehöre zum akademisch-künstlerischen Prekariat. Mein Mann und ich erwarten, so wie das wir im manifesthaften Text, kein Erbe. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir unter diesen Bedingungen weiterhin akademisch und künstlerisch tätig sein werden?
Unten sehen Sie ein Foto von Alexander Zheleznyak. Er fotografierte mich vor einer Plakatwand in Ratingen-West. Diese mietete ich im Rahmen des künstlerischen Prozesses Papageien und Schwäne, über den ich auch in dem UNITE-Interview spreche, für ca. 1000 Euro und für eine Woche. Darauf klebte ein Poster. Es zeigt ein Bild, das ich 2022 in Florenz machte, und einen QR-Code. Über den QR-Code werden Tonaufnahmen des manifesthaften Texts zugänglich, übersetzt und eingesprochen von Katarina Atkinson und Annamaria Bianchi. In Florenz war ich anlässlich einer Ausstellung im öffentlichen Raum von Le Piagge, einem Vorort von Florenz.
Die Plakatwand zeigt das Bild eines Jungen, der ein T-Shirt trägt und ein Poster anschaut, das auf einer Mauer klebt. Das Poster auf der Mauer zeigt ein Hochhaus in Ratingen-West. Der Junge ist der Sohn einer Freundin, die mit mir in Ratingen-West aufwuchs. Sie lebt heute in der Schweiz und besuchte mich zusammen mit ihrem Sohn während der Ausstellung in Florenz. Auf Alexanders Foto stehe ich vor der Plakatwand. Ich trage das gleiche T-Shirt wie der Junge. Auf den Rückseite der T-Shirts sind Folien aufgebügelt; darauf sind Auszüge einer Sofortbildaufnahme zu sehen. Sie zeigen ein Hochhaus in Ratingen-West.
Im Eingangsbereich des Multimedia-Gebäudes an der Universität in Aix-Marseille installierte ich mit Kordeln ein Banner an einer Balustrade: Einen mit Alexanders Foto bedruckten Stoff. Die einzelnen Motive wandern in dieser Arbeit von Medium zu Medium. Sie werden getragen von Poster, Mauer, Plakatwand, T-Shirt oder Banner.
Transmedialität verstehe ich aber nicht als bloßen Wechsel von Trägern oder Medien, sondern als Verschiebung von Wahrnehmungsbedingungen und Machtverhältnissen. Die Installation im Eingangsbereich der Universität, der Online‑Zugang über den QR‑Code und der gedruckte Tagungsband bilden gemeinsam ein Gefüge, in dem sich Bild, Text und Klang, aber auch räumliche, zeitliche und digitale Infrastrukturen überlagern.
Ich bin weniger an der Autonomie der einzelnen Medien als an ihren Übergängen interessiert: Wie verändert sich der Text „Wir sind die Verletzlichen“, wenn er als Stimme im Raum, als Datei auf einer Website oder als Zitat im Buch erscheint? Transmedialität bezeichnet hier das Wandern eines Motivs durch unterschiedliche mediale Dispositive, in denen sich soziale und technologische Verletzlichkeit jeweils anders artikuliert.
So wird die Tagungssituation selbst Teil des transmedialen Arrangements: Die Konferenz als institutioneller Rahmen, der Eingangsbereich als temporärer Ausstellungsraum, die Website als fragile Schnittstelle und der Band als dokumentarische Fixierung sind ineinander verschränkte Medien, in denen sich die Frage stellt, wer als verletzlich sichtbar wird – und auf welchen Trägern, für wie lange.
Photo: Alexander Zheleznyak, VG Bild-Kunst