Wollen wir ins Boot? (2025)
essay on art, teaching and mediation, released by the Landesbüro Bildende Kunst/ Kunsthaus NRW, Verlag Kettler, Dortmund (GER).
Inhalt:
LEHREN UND LERNEN ALS AUFFÜHRUNGSKÜNSTE ist der Titel des „Mitmachbuchs“ des Fluxuskünstlers Robert Filliou, entstanden in der Zeit der Reeducation und demokratischen Neuaufstellung der Bundesrepublik Deutschland. Anne Schülke, bildende Künstlerin und Autorin, hat sich den bald sechzig Jahre alten Text neu vorgenommen und nach seinem aktuellen gesellschaftspolitischen Potenzial gefragt. Wie können und wollen wir in einer demokratischen Gesellschaft Kunst lernen? Wie könnten Lehrende und Lernende davor bewahrt werden, von wirtschaftlichen Interessen vereinnahmt zu werden? Wer oder was schützt angehende bildende Künstler:innen vor autoritären, antidemokratischen Tendenzen?
Schülke kommt in ihrer Selbstbefragung und im Gespräch mit Kolleg:innen der rheinischen Kunstszene zu dem Schluss, dass Demokratie und das Lehren und Lernen von Kunst in einer Demokratie immer noch etwas völlig anderes bedeuten könnten, als die gängige Praxis an Akademien und Kunsthochschulen demonstriert: „Freiheit braucht also Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Praxisformen, die sie schützen – das meint keine Regulation oder Kontrolle. Diskriminierungssensible und auf Mitsprache ausgerichtete Praxisformen ermöglichen es, Verantwortung zu übernehmen.“
Text: Landesbüro Bildende Kunst NRW
Kommentare zum Buch von Christina Irrgang und Wolfgang Ullrich:
Allerhand Anlässe, Anne Schülkes ‚Wollen wir ins Boot?‘ zu lesen und ins Handeln zu kommen
Anne Schülke widmet sich mit diesem Buch dem ernstzunehmenden Problem, unter welchen Bedingungen Künstler:innen und im Feld der Kunst Arbeitende tätig sind, sein wollen oder aber sein könnten. In einem ersten Teil der Publikation bringt sie die vom Fluxus-Künstler Robert Filliou vorgestellten Konzepte des Lehrens und Lernens zur Revision: Entlang von Begriffen wie Geld, System, Ökonomie, Wettbewerb, Schule, Erziehung, Poesie oder Fiktion führt Schülke eine Selbstbefragung durch, die weit über ihre eigene Perspektive hinausreicht. Denn deutlich wird bei jeder ihrer medaillonartigen Betrachtungen, wie tief wir als Gesamtgesellschaft in systematisierten Strukturen stecken, die zunehmend als Ursachen von Schieflagen und Dysfunktionalitäten in Lehre, Bildung und zwischenmenschlichem Miteinander spürbar sind. Im Dialog mit weiteren Akteur:innen der Kunstpraxis, Kunstwissenschaft sowie Kunstvermittlung versucht Schülke ergänzend zu ihren Reflexionen offenzulegen, was vonnöten wäre, um dem sich durch institutionelle Bürokratie stets weiter verschärfenden Prekariat in der Kunst entgegenzuwirken – und Demokratie nicht als Vorstellung, sondern als Tat zu verwirklichen, um sinnstiftend und nachhaltig zusammen zu lernen, zu lehren und zu leben.
Text: Dr. Christina Irrgang
In fünfzig, sechzig Jahren: ein Blick zurück auf Anne Schülkes Blick zurück auf Robert Filliou
Ich male mir aus, dass jemand in fünfzig, sechzig Jahren zufällig auf Anne Schülkes Bestandsaufnahme „Wollen wir ins Boot?“ stößt und darin zu lesen beginnt. Vermutlich werden die Augen dabei immer größer werden, so vieles wird dann unbekannt sein oder unvorstellbar erscheinen. Was sollen Vokabeln wie „Orientierungsbereich“, „Audience Development“ oder „Kreativwirtschaft“ bedeuten? Und ist es nicht erstaunlich, dass es kaum eine Seite in Schülkes Buch gibt, auf der nicht eine Kunstinstitution genannt ist? Es existierte in den 2020er Jahren also offenbar noch ein dichtes Geflecht an Kunstakademien, Kunsthäusern, Kunstvereinen und anderem, und all diese Institutionen kümmerten sich um Künstler:innen und ihre Belange. Ferner wird man dem Buch entnehmen können, dass es einmal zahlreiche Förderprogramme und Stipendien für Künstler:innen gab, oft sogar – unglaublich! – vom Staat finanziert. Und die Leserin/der Leser der Zukunft wird vielleicht fragen: War das aber nicht dieselbe Zeit, in der man zugleich noch von der Autonomie der Kunst schwärmte, diese Autonomie unbedingt verteidigte? Und wie passt denn das zusammen – institutionelle Einbindung und künstlerische Unabhängigkeit? Ja, das passte durchaus zusammen, wird man der fragenden Person dann erklären, denn nur deshalb sei eine Kunst frei von Vereinnahmung und Zweckbindung möglich gewesen, weil es eine zuverlässige institutionelle Infrastruktur gab, die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, aber auch eine ökonomische Grundlage garantiert habe. Ohne Ausbildungs- und Ausstellungsstätten, ohne Leute, die als Kurator:innen, Kunstwissenschaftler:innen, Kunstvermittler:innen etc. etc. arbeiteten, wäre die autonome Kunst hingegen ohne Rückhalt gewesen, hätte als solche gar nicht sichtbar werden können. Das wird die Leserin/der Leser in fünfzig, sechzig Jahren aber vermutlich nur ungläubig zur Kenntnis nehmen, wird bei der Lektüre vielmehr zu der Auffassung gelangen, die Künstler:innen damals seien sehr stark auf die Rahmenbedingungen fixiert gewesen, innerhalb derer sie ihre Kunst machten. Man wird dann erst eigens erklären müssen, dass die Kunstinstitutionen vor allem auch einen sozialen Raum konstituierten. Und wird darauf hinweisen, dass das doch schon in der Anlage von Anne Schülkes Buch mehr als deutlich werde. Da kämen doch diverse Künstler:innen und Kurator:innen zu Wort, es gebe sogar eine Kommentarstimme, ja man spüre doch durchgängig und zudem sehr eindrucksvoll, wie polyphon und auf wechselseitiges Zuhören ausgerichtet die Kunstwelt damals gewesen sei. Ja, mag sein, wird die Leserin/der Leser der Zukunft dann eventuell sagen, aber das sei eben lange her. Zu lange.
Text: Prof. Dr. Wolfgang Ullrich
Photos: Susanne Ristow